Barrierearmut und Barrierefreiheit

Zielgruppe: Entscheider:innen, Web-Designer:innen
 
MOTIVATION

Nutzer:innen bringen unterschiedliche Fähigkeiten und Fertigkeiten mit, etwa bei ihrer Auge-Hand-Koordination oder Sehkraft. Beispielsweise sind mehr als eine Million Menschen in Deutschland sehbehindert, rund vier Millionen haben eine Rot-Grün-Schwäche. Damit eine digitale Verwaltungsleistung für möglichst viele Menschen nutzbar ist, sollte sie daher möglichst barrierearm gestaltet sein.

Grundsätzlich gilt: Ist Ihre Verwaltungsleistung für Beeinträchtigte gut nutzbar, funktioniert sie für alle Nutzer:innen gut.

Für digitale Angebote der öffentlichen Verwaltung ist Barrierearmut bzw. Barrierefreiheit aufgrund der »Barrierefreie Informationstechnik-Verordnung« (BITV) gesetzlich verpflichtend.

Die Begriffe Barrierearmut und Barrierefreiheit sind beide geläufig und werden gleichbedeutend verwendet. Die Bundesregierung verwendet »Barrierefreiheit«. Wir verwenden den Begriff Barrierearmut, um klarzumachen, dass vollständige Barrierefreiheit nicht erreicht werden kann, sondern nur verschiedene Grade von Barrierearmut.

 
ZUSAMMENFASSUNG & EMPFEHLUNGEN

Als Faustregel sind schlichte Gestaltungsansätze – mit wenigen grafischen Elementen, klarer Gliederung und dem Verzicht auf ausschließlich grafische oder animierte Inhalte – leicht barrierearm zu gestalten. Denken Sie bei der Gestaltung von vornherein mit, dass sich Nutzer:innen z. B. Texte vorlesen lassen oder Kontraste und Schriftgrößen verändern wollen.

Ein nachträgliches Anpassen der Benutzeroberfläche an die Anforderungen der Barrierearmut ist meist umständlich und zeitaufwändig. Beachten Sie die BITV-Richtlinie bei der Gestaltung der Benutzeroberfläche daher von Anfang an.

Weiterführendes zur Gestaltung von Benutzeroberflächen finden Sie im Abschnitt: Worauf Sie bei der technischen Entwicklung achten sollten.

Testen Sie Ihr digitales Verwaltungsangebot mit Menschen mit verschiedenen Beeinträchtigungen, beispielsweise bei Kognition, Wahrnehmung oder Motorik. Alternativ können Sie einfache Simulationen benutzen. Das können physische Dinge wie spezielle Brillen, Handschuhe oder Lupen sein, die die Beeinträchtigungen nachempfinden lassen, oder aber kostenfreie Browsererweiterungen, die die Nutzungserfahrung mit Beeinträchtigungen simulieren. Testen Sie möglichst bereits während des Entwicklungsprozesses, sodass Sie rechtzeitig auf Änderungsbedarf reagieren können.

Weiterführendes zum Thema Nutzertests finden Sie im Abschnitt Agile und nutzerzentrierte Gestaltung

 
DETAILS & BEISPIELE

Die »Barrierefreie Informationstechnik-Verordnung« (BITV) hilft, die wichtigsten Barrieren im Blick zu behalten und macht konkrete Vorschläge, wie diese aus einer digitalen Verwaltungsleistung entfernt werden können. Die BITV geht auf sieben Bereiche ein:

  • Textalternativen:
     also Bilder, Video- und Audio-Inhalte stets auch durch Text zu beschreiben.
  • Wahrnehmung
     bezieht sich auf Fragen der Darstellung, wie den Einsatz von Farben, die Stärke von Kontrasten, ob die Inhalte sinnvoll vergrößert werden können und wie gut Vorlese-Anwendungen (Screen Reader) sie verstehen.
  • Struktur und Information
     fordert, Inhalte und ihre Gliederung von der konkreten Darstellung unabhängig zu kennzeichnen, um das Verwaltungsangebot auch beispielsweise bei starker Vergrößerung oder mit Vorlese-Anwendungen gut nutzen zu können.
  • Navigation und Bedienbarkeit
     betont einheitliche und leicht nachvollziehbare Navigation sowie Tastatureingabe und die Abwesenheit von zeitgesteuerten und ähnlichen Steuerungselementen, um die Bedienbarkeit möglichst unabhängig zu halten.
  • Verständlichkeit
     wird durch die verwendete Sprache in den Texten sowie durch Videos in Gebärdensprache sichergestellt.
  • Kompatibilität
     bezieht sich insbesondere auf sogenannte Unterstützungstechnologien wie Vorlese-Anwendungen, Spracheingaben, Vergrößerungssoftware und Bildschirmtastatur, für die der Quellcode der Benutzeroberfläche verständlich sein muss.
  • Nutzerinteraktion
     auf Webseite bezieht sich vor allem auf Formulare, die beispielsweise ausreichend große Bedienflächen, zugeordnete Texte für Vorlese-Anwendungen und eingebaute Eingabekorrekturen brauchen, damit Nutzer:innen sie barrierearm ausfüllen können.

Häufige und leicht vermeidbare Barrieren sind beispielsweise:

Ungünstige Darstellung der Benutzeroberfläche bei Zoom oder vergrößerter Schrift

schlecht
Vergrößerter Text sprengt die Darstellungsfläche
Negativbeispiel: Vergrößerter Text sprengt die Darstellungsfläche
gut
Seitenstruktur bleibt bei vergrößerter Schrift sinnvoll
Positivbeispiel: Seitenstruktur bleibt bei vergrößerter Schrift sinnvoll

Die Reihenfolge, in der Elemente der Benutzeroberfläche von Vorlese-Anwendungen vorgelesen werden

schlecht
umherspringende Reihenfolge von Text und Tab-Reihenfolge
Negativbeispiel: umherspringende Reihenfolge von Text und Tab-Reihenfolge
gut
Sinnvolle Reihenfolge von Text und Tab-Reihenfolge
Positivbeispiel: Sinnvolle Reihenfolge von Text und Tab-Reihenfolge

Bilder oder Animationen, die zum Verständnis notwendig sind

schlecht
Grafik zum Verständnis nötig
Negativbeispiel: Grafik zum Verständnis nötig
gut
Grafik nicht zum Verständnis nötig
Positivbeispiel: Grafik nicht zum Verständnis nötig

Farben, die zum Verständnis notwendig sind

schlecht
Farben zum Verständnis nötig
Negativbeispiel: Farben zum Verständnis nötig
gut
Farben nur ergänzend
Positivbeispiel: Farben nur ergänzend

Geringe Kontraste

schlecht
rosa Hintergrund, Text in verschiedenen Rottönen
Negativbeispiel: rosa Hintergrund, Text in verschiedenen Rottönen
gut
weißer Hintergrund, schwarzer Text
Positivbeispiel: weißer Hintergrund, schwarzer Text
 
WEITERFÜHRENDE INFORMATIONEN

Grundsätzlich reicht also der Blick in die BITV. WCAG und die EU-Richtlinie 2016/2102 können Sie nutzen, um Verständnisfragen aus der BITV zu klären.

Diese können meist auch bei konkreten Gestaltungsfragen sowie beim Testen helfen.